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Hier erfahren Sie Näheres zu unseren vergangenen Konzerte, aber auch zu Ankündigungen und einzelnen Künstlern.

Spätwerke

geschrieben am 1. Dezember 2019, veröffentlicht in Allgemein, tags: , , , .

Schwer sind sie – das weiß man, anspruchsvoll und auf eine respekteinflößende Weise anders. Anders als Werkgruppen aus mittleren oder frühen Jahren.
So wurden im Duo-Abend der Cellistin Laura Moinian und des Pianisten Alexander Vorontsov die beiden Eckpunkte des Programms – Beethovens Sonate für Klavier und Violoncello op. 102,1 und Prokofiews Cellosonate op. 119 – zu den Hör-Höhepunkten zweier noch ganz junger Interpreten.

Erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit sie sich den geistig-klanglichen Emanationen von Komponisten widmeten, die sich in der (relativen) Schlussphase ihres Lebens und Schaffens befanden.
So konnte dann ein eher asketischer, abgewandter Beethoven gewissermaßen „Strom“ bekommen, Zügigkeit, Stringenz – und durchaus angenehm diesseitig klingen. Ein sympathisches, erlaubtes und hörenswertes künstlerisches Statement.

Was aber, wenn der Genosse Stalin persönlich Volkstümlichkeit, Jugendfrische und aufgekremplte Ärmel einfordert? Dann muss man, wenn einem sein eigenes Leben lieb ist, zumindest streckenweise die musikalischen Zähne zusammenbeißen und den Folgsamen spielen. Und so vereint denn Prokofiews Cellosonate von 1949 ein Kaleidoskop unterschiedlicher Stilmerkmale – neben den artigen, sprich strahlend eingängigen, durchaus auch solche, die eher bitterer Kommentar einer gequälten Seele sind. Wunderbar aber immer des großen russischen Meisters melodische Schöpferkraft, die nicht nur dem Widmungsträger Mstislaw Rostropowitsch, sondern auch Laura Moinian am Herzen lag. Kann es wundern, wenn der Prokofiew zum Höhepunkt des Abend wurde?

Moinian und Vorontsov dankten mit der Vocalise von Sergej Rachmaninow und verbeugten sich damit vor jenem Komponisten, dessen ausladende Cellosonate sie eigentlich hatten spielen wollen – wenn da nicht der um Tage verspätete Transport eines kostbaren Cellos von New York zurück nach Deutschland ungebührlich Schicksal gespielt hätte.

von Hannes Sonntag

Jung und reif – Gedanken zu Chamots wunderbarem Klavierabend

geschrieben am 3. Oktober 2019, veröffentlicht in Allgemein, tags: , , , , , .

von Hannes Sonntag

Es gibt Zeitzeichen, die Hoffnung machen. Hoffnung, dass die teils unerträgliche Verflachung und Pauschalisierung des sogenannten Musikbetriebs erfolgreich unterlaufen werden kann.

Ja, immer noch ist international die Zahl derer groß, die jung, muskelschwingend und musikalisch ahnungslos auf den Markt drängen. Die erstaunt aufblicken, wenn man ihr selbstverliebtes Ego hinterfragt – ob es da denn außer formaler Perfektion und Karrierelust vielleicht noch anders gebe, Kriterien, die in der Musik selbst zuhause sind, Verantwortung gegenüber dem Komponisten?

Doch immer öfter (freilich, man muss schon hinhören) erlebt man neuerdings junge Musiker (oft wirklich sehr junge Musiker), die ihre persönlichen Imperative tief „in der Sache selbst“ wahrnehmen, hoch-reflektiert und gleichzeitig bescheiden, enorm begabt, aber innerlich auf der Suche.

Hört man also, so jetzt auf Schloss Schieder, einen jungen Pianisten wie Dominic Chamot die große Sonate in B-Dur von Schubert spielen, erlebt, wie es ihm gelingt, über die ganze erste Hälfte eines Klavierabends hin ein atemlos lauschendes Publikum ungebrochen durch die Seelenlandschaft dieser Musik zu führen – dann stellt sich die Frage, ob es unter den heutigen Jungen noch echte Künstler gebe, nicht mehr. Gott sei Dank.

Das Programm bot neben einer geistreich taufrischen Wiedergabe von Beethovens erster Klaviersonate auch Liszts Konzertparaphrase ‚Reminiscences de Norma‘ – und sogleich wurde klar: ja, in der Leichtigkeit liegt die wahre Virtuosität (wie unter der Zirkuskuppel oder in der Reitkunst), nicht im Dampfbetrieb hochtouriger Kraft.

Intimer, heimlicher Höhepunkt aber war Leos Janaceks Klavierwerk ‚Im Nebel‘. Sich als Pianist in diese abgewandte, verletzliche, zart suggerierende Musik zu verlieben, ist für sich schon ein Qualitativum. Sie aber mit solch gleichgerichteter Innigkeit, mit so viel werbendem Impetus zu spielen wie Dominic Chamot – das erschafft jenes nachhaltige emotionale Erlebnis, um dessentwillen allein wir letztlich Musik machen oder hören.

Professionalismus pur: Nirse González & Friederike Wiechert-Schüle

geschrieben am 16. Juni 2019, veröffentlicht in Allgemein, tags: , , , , .

von Hannes Sonntag

Worte in unser aller Mund: Profi, professionell, Professionalismus, von alltagstauglichen Adjektiven wie „profimäßig“ ganz zu schweigen. Sie alle sollen professionell sein: vom Piloten bis zur Friseuse, vom Fliesenleger bis zum Chirurgen.

Was aber bedeutet der Begriff für den konzertierenden Musiker? Natürlich: Beherrschung des instrumentalen Handwerks, Versiertheit im Umgang mit Notentexten, Kenntnis der „musikalischen Sprache“ und vieles mehr. Aber eben auch dies: sich seines Könnens so schlafwandlerisch sicher zu sein, dass zwei Tage reichen, mit einem aus der Ferne angereisten Musizierpartner ein völlig homogenes konzertantes „Duo-Produkt“ zu generieren.

Es ist die hohe Kunst des sogenannten Einspringens – wie geschehen in der Pfingstmatinée 2019. Die Profis des Tages: der Gitarrist Nirse González und die Flötistin Friederike Wiechert-Schüle. Beide sind hochkarätige Solisten, beide aber auch Kammermusik-affin bis in die Fingerspitze (die ja ohnehin von „tragender Bedeutung“ beim Instrumentalspiel ist).

Da ist partnerschaftliches Vorausahnen bereits Handlungsanweisung für die nächste Zehntelsekunde, ein Atemzug von nebenan das Eröffnen eines neuen Klangraums – und wenn die Musik jene emotionale Verführungsqualität besitzt wie im Falle des dargebotenen spanisch-lateinamerikanischen Programms, sind farbiges musikalisches Leben und spontane Freude garantiert.

Der prallvolle Fürstensaal und die Veranstalter dankten es den beiden Interpreten mit begeistertem Beifall im ersten und – zugegeben – einem sehr erleichterten Handschlag im anderen Falle.

Klavierspiel, wie man es selten hört – Aghakaryan übertrifft sich selbst

geschrieben am 3. April 2019, veröffentlicht in Allgemein, tags: , , , , , , , .

von Hannes Sonntag

Würde sie dasselbe Programm am folgenden Tag noch einmal an einem anderen Ort gespielt haben – man wäre sofort hingereist, um es ein weiteres Mal zu hören.

Was die junge armenische Pianistin am letzten Märztag 2019 im Fürstensaal von Schloss Schieder bot, verdient in den Annalen dieser Konzertreihe einen roten Stern. Man fragt sich, wo hier die Parallelen liegen, wo Vergleichbares zu finden wäre? Vielleicht die junge Clara Haskil – aber das entzieht sich – leider – jeder Nachprüfbarkeit. Hat man indes die ganz Jungen im Ohr, wird sich eine solche Mischung von stupender Virtuosität und intimer Magie schwer finden lassen. Die Aura dieser Künstlerin (denn sie ist viel mehr als nur eine Pianistin) nimmt von Anfang an jeden einzelnen Hörer mit – und das ohne den geringsten körperlichen Affekt, der nicht unmittelbar der Musik selbst gelten würde.

Hripsime Aghakaryan, die großartig auch Haydn, Rachmaninov und Liszt spielte, steht bei Ravels ‚Miroirs‘ auf dem ungeteilten Höhepunkt ihrer Kunst. Die gewissermaßen introspektiv kalte Trauer der ‚Oiseaux tristes‘, die balancierte Ungleichzeitigkeit der diversen Glocken in ‚La Vallée des cloches‘ wirken in ihrer Interpretation als poetische Äußerungen von stiller, absoluter Wahrheit.
Der narkotische Klangrausch von ‚Une barque sur l’Océan‘ behält eine anrührende Schlankheit, etwas Fluides, im allerbesten Sinne Französisches, ganz nah an den Gemälde-Suggestionen eines Monet. Eine seltsame Sehnsucht erwacht, die umso echter wirkt als dass sie in nichts hier und heute Erlebtem entspricht. Und wenn Hripsime Aghakaryan sich gemeinsam mit dem Komponisten die trocken-spanische Maske aufsetzt, verwandelt sich das bloß Koloristische in die nackt existentielle, aber artistisch verbrämte Not eines Hofnarren zu alter spanischer Zeit.

Ich gestehe gern, dass diese Version der ‚Miroirs‘ die eindrücklichste ist, die mir bisher zu hören vergönnt war. Man spricht von ‚Chopinisten‘, in Russland gar von ‚Skrjabinisten‘ – um Hripsime Aghakaryans willen sollte vielleicht der Titel einer ‚Ravelistin‘ erfunden werden.

Suggestion der leisen Töne

geschrieben am 30. November 2018, veröffentlicht in Allgemein, tags: , , , , .

von Hannes Sonntag

Ja, so oder ähnlich muss es geklungen haben im Umkreis der Schubert, Schumann, Mendelssohn und Brahms – in den Ohren und für die Ohren jener Freunde, Kollegen, Förderer und Bewunderer, die in seelenverwandter Nähe um die Gestalten der großen Meister kreisten. Ihnen allen ging es um das Verstehen, das Erfühlen von Musik, die natürlich und direkt zu ihnen sprach. Um emotionalen Austausch. Und es waren auch Gemeinschaft und Freundschaft mit im Spiel.

Das Klavierspiel Natalia Ehwalds entführt in die Welt jener Zirkel, denen Kultur nicht Lippenbekenntnis, sondern ureigenste Lebensform war. Dieses Spiel ist so bemerkenswert uneitel, zielt nicht auf Verallgemeinerung und Verwertbarkeit, lässt sich auf keinerlei Effekte ein, schlägt nirgendwo virtuosen Schaum. Man versteht auf einmal die gewissermaßen moralische Empörung Clara Schumanns angesichts des oftmals selbstdarstellerischen Gehabes eines Liszt und seines Jünger-Kreises. Was nicht etwa die Abwesenheit oder Ablehnung von Brillanz bedeutet, wohl aber die absolute Unterordnung des Technisch-Materiellen unter das sanfte Diktat des Geistigen – und gleichzeitig einen Fokus auf den vielfältig abgestuften Klang, die zwei- und dreifachen pianissimi, auf das innere Singen und die stille Betroffenheit angesichts des in Worten nicht Fassbaren.

Natalia Ehwald spielt Klavier wie man es heute nur ganz selten (vielleicht aber auch allmählich wieder) hört. Gott Dank sind die Welten der Klaviermusik jedoch so überbordend voll wunderbarer und gänzlich unterschiedlicher Literatur, dass in vielen unterschiedlichen pianistischen „Tempeln gebetet“ werden und das artistische Hochseil in friedlicher Koexistenz neben der Innerlichkeit des romantischen Bekenntisses existieren kann.

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