Klavierspiel, wie man es selten hört – Aghakaryan übertrifft sich selbst

von Hannes Sonntag

Würde sie dasselbe Programm am folgenden Tag noch einmal an einem anderen Ort gespielt haben – man wäre sofort hingereist, um es ein weiteres Mal zu hören.

Was die junge armenische Pianistin am letzten Märztag 2019 im Fürstensaal von Schloss Schieder bot, verdient in den Annalen dieser Konzertreihe einen roten Stern. Man fragt sich, wo hier die Parallelen liegen, wo Vergleichbares zu finden wäre? Vielleicht die junge Clara Haskil – aber das entzieht sich – leider – jeder Nachprüfbarkeit. Hat man indes die ganz Jungen im Ohr, wird sich eine solche Mischung von stupender Virtuosität und intimer Magie schwer finden lassen. Die Aura dieser Künstlerin (denn sie ist viel mehr als nur eine Pianistin) nimmt von Anfang an jeden einzelnen Hörer mit – und das ohne den geringsten körperlichen Affekt, der nicht unmittelbar der Musik selbst gelten würde.

Hripsime Aghakaryan, die großartig auch Haydn, Rachmaninov und Liszt spielte, steht bei Ravels ‚Miroirs‘ auf dem ungeteilten Höhepunkt ihrer Kunst. Die gewissermaßen introspektiv kalte Trauer der ‚Oiseaux tristes‘, die balancierte Ungleichzeitigkeit der diversen Glocken in ‚La Vallée des cloches‘ wirken in ihrer Interpretation als poetische Äußerungen von stiller, absoluter Wahrheit.
Der narkotische Klangrausch von ‚Une barque sur l’Océan‘ behält eine anrührende Schlankheit, etwas Fluides, im allerbesten Sinne Französisches, ganz nah an den Gemälde-Suggestionen eines Monet. Eine seltsame Sehnsucht erwacht, die umso echter wirkt als dass sie in nichts hier und heute Erlebtem entspricht. Und wenn Hripsime Aghakaryan sich gemeinsam mit dem Komponisten die trocken-spanische Maske aufsetzt, verwandelt sich das bloß Koloristische in die nackt existentielle, aber artistisch verbrämte Not eines Hofnarren zu alter spanischer Zeit.

Ich gestehe gern, dass diese Version der ‚Miroirs‘ die eindrücklichste ist, die mir bisher zu hören vergönnt war. Man spricht von ‚Chopinisten‘, in Russland gar von ‚Skrjabinisten‘ – um Hripsime Aghakaryans willen sollte vielleicht der Titel einer ‚Ravelistin‘ erfunden werden.

Überragend

Görner & Nesterenko 2

Manchmal ahnt man es schon. Denn manchmal werfen die Dinge ihre Schatten voraus. Und dann übertreffen die Ereignisse noch die Erwartung. Das zeigt sich nicht nur daran, dass ein Saal – in unserem Fall der Fürstensaal auf Schloss Schieder – buchstäblich aus allen Nähten platzt (und darüberhinaus so mancher Kartenwunsch nicht mehr erfüllt werden konnte), sondern auch an den Reaktionen des Publikums: begeistert, hingerissen und so oft auch in sprachloser Stille gefangen. Was Lutz Görner und Elena Nesterenko an emotionaler Dichte und leibhafter Vergegenwärtigung demonstrierten, hat der Wagnerschen Forderung „gesunde Sinne und ein menschliches Herz“ in großartiger Weise entsprochen. Mehr, denken wir, kann eine künstlerische Performance schlechterdings nicht leisten. Es war – auch in erinnerter Gesellschaft zahlreicher anderer musikalischer Höhepunkte im Rahmen der Schlosskonzerte – ein wirkliches Ausnahmeereignis.

Eine solch osmotische Wechselwirkung konnte umgekehrt auch dem Meister und Bühnenprofi Görner nicht verborgen bleiben. Er war bewegt. Und versprach, mit der Preview seines neuen Beethoven-Programms schon bald wieder zu kommen. Eine Vorstellung, die uns begeistert – und sicherlich auch unser wunderbares Publikum.

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